Es ist derzeit ein beliebter Trick, um eine weltanschauliche Behauptung wirksamer zu verbreiten, sich auf die inzwischen nicht zuletzt durch staatliche Finanzspritzen zur Leitwissenschaft erklärte Hirnforschung zu berufen. Besonders gut konnte man das beim Streit um die Willensfreiheit beobachten, wo einige die Willensfreiheit leugnenden Hirnforscher sich auf die Experimente von Benjamin Libet beriefen und die Medien diese These der breiteren Leserschaft einflössten. Nun hat die Neurologisierung auch die Gottesfrage erreicht.

 

Als „Neurotheologie“ bezeichnet man die Untersuchung der beim Beten, bei religiöser Ekstase und bei Meditation auftretenden Gehirnvorgänge. Das ist an sich ein seriöses empirisches Forschungsvorhaben, wenn auch der Name „Neurotheologie“ unzutreffend ist, denn es wird dabei nicht Gott, sondern das Gehirn untersucht. Doch unseriöse Propaganda ist es, wenn mit dieser Forschung atheistische Thesen begründet werden. Einige Hirnforscher halten sich davon fern, aber andere und einige Journalisten und Theologen wie Eugen Drewermann können der Versuchung nicht widerstehen, ihrem Atheismus mit dieser Pseudobegründung einen „Die Wissenschaft hat festgestellt“‑Nachdruck zu verleihen.

 

Neurotheologie redet über das Gehirn, nicht über Gott

Sehen wir uns das einmal rein philosophisch an. Die Kanadier Mario Beauregard und Vincent Paquette beispielsweise – die selbst allerdings aus ihrer Forschung keinerlei Aussage über die Existenz Gottes ableiten – haben Nonnen beim Beten untersucht und Aktivität in der rechten mittleren orbitofrontalen Hirnrinde und zehn andern Bereichen des Gehirns beobachtet. Stützt das die Behauptung Drewermanns, dass alle religiösen Erlebnisse durch das Gehirn und nicht durch Gott verursacht werden? Natürlich nicht. Auch beim Erleben eines Sonnenuntergangs gibt es Aktivität in bestimmten Gehirnbereichen. Trotzdem gibt es die Sonne, und trotzdem ist sie eine der Ursachen des Erlebnisses. Gehirnaktivität bei einem Erlebnis ist weder ein Indiz für die Wahrhaftigkeit des Erlebnisses noch ein Indiz für dessen Falschheit, denn sie ist in jedem Falle zu erwarten.

Nehmen wir zum Vergleich an, jemandem erscheint in einer Sinnestäuschung ein Rabe vor dem Fenster. Stellte ein Hirnforscher Verletzungen in den für das Sehen zuständigen Gehirnbereichen fest, verringerte das die Glaubwürdigkeit des Erlebnisses. Solches hat die Hirnforschung bei religiösen Erlebnissen
aber nicht gefunden. Zudem verringerte die Entdeckung einer Verletzung des Gehirns in einem Fall eines religiösen Erlebnisses noch lange nicht die Glaub-würdigkeit in anderen und in andersartigen Fällen religiöser Erlebnisse. Stellte man bei mexikanischen Schamanen durch die eingeatmeten Dämpfe verursachte Verletzungen oder Funktionsstörungen des Gehirns fest, verringerte das noch lange nicht die Glaubwürdigkeit des Erlebnisses des Apostels Paulus auf dem Weg nach Damaskus. Die These, dass er die Vision hatte, weil er unter Epilepsie litt, wird ja nicht durch Beweise für seine Epilepsie begründet, denn es gibt keine solchen Beweise. Vielmehr suchen diejenigen, welche glauben, dass des Paulus Erlebnis nicht wahrhaftig war, nach einer Erklärung des Erlebnisses und bilden dazu die Hypothese der Epilepsie.

 

Die Hirnforschung kann eine Sinnestäuschung nicht beweisen

Könnte die Hirnforschung auch herausfinden, dass das Rabenerlebnis eine Täuschung ist, indem sie entdeckt, dass das Erlebnis von keinem Raben verursacht wird? Nein. Denn sie kann zwar eine Ursache des Erlebnisses entdecken, aber sie kann schwerlich herausfinden, ob sie alle Ursachen gefunden hat oder ob es noch weitere Ursachen gibt, von denen der Rabe eine sein könnte. Der einzig gangbare Weg, um herauszufinden, ob eine Sinnestäuschung vorliegt, ist zu prüfen, ob ein Rabe vor dem Fenster ist! Wenn man weiss, dass da kein Rabe ist, kann man zu Recht schliessen, dass das Rabenerlebnis von keinem Raben verursacht wurde. Durch Untersuchung des Gehirns kann man nicht herausfinden, ob da ein Rabe vor dem Fenster ist.

 

Die Gottesfrage ist eine philosophische Frage

So kann man auch nicht herausfinden, ob es einen Gott gibt, indem man die Gehirne von Betenden untersucht. Es ist schön und gut, diese zu untersuchen, aber es trägt nichts zu Beantwortung der Gottesfrage bei. Dazu muss man schon Philosophie betreiben und sich fragen, ob die Welt eher wie eine Schöpfung Gottes oder wie ein Zufallsprodukt aussieht. Allgemeiner gesagt muss man, um herauszufinden, ob etwas existiert, immer zweierlei tun: nach Indizien suchen und sich um Wahrnehmung bemühen. Wenn man wissen will, ob es im Bayerischen Wald Bären gibt, muss man erstens nach Spuren suchen und sich zweitens auf die Lauer legen, um sie zu sehen. So ist es auch bei Gott. Indizien zu suchen heisst nach Dingen zu suchen, die sich besser durch die Annahme Gottes als ohne erklären lassen. Zum Beispiel die Denkfähigkeit des Menschen, die Feinabstimmung des Universums und vieles mehr. Gründliche Untersuchungen von Indizien für und gegen die Existenz Gottes findet man in der zeitgenössischen angelsächsischen Religionsphilosophie. (Siehe R. Swinburne: „Gibt es einen Gott?“)

 

Nicht jedes Ereignis ist das Ergebnis eines materiellen Vorgangs

Kann man Gott auch wahrnehmen? Natürlich. Wenn es Gott gibt, kann er sich auch jemandem zeigen. (In der heutigen Religionsphilosophie wurde das gründlich untersucht, besonders im Buch „Perceiving God“ [„Gott wahrnehmen“] von William Alston.) Das kann auf spektakuläre Weise geschehen wie beim Apostel Paulus oder auf weniger eindrückliche und dem Menschen mehr Freiraum lassende Weise durch ein leichtes Gefühl der Nähe Gottes.

Drewermann und seinesgleichen verwenden eine ähnliche irrationale, aber wirksame Masche, wie schon Feuerbach und Freud sie verwendeten. Mit Erklärungsformeln wie “Gottesglaube ist Wunschdenken“ oder „Der persönliche Gott ist ein überhöhter Vater“ erzeugten diese bei vielen erfolgreich den Eindruck, ein Argument gegen die Existenz Gottes vorgetragen zu haben. In Wirklichkeit setzt Drewermann, ebenso wie Feuerbach, Freud und die Heerschar der sich seit 200 Jahren als „modern“ und „historisch‑kritisch“ bezeichnenden Theologen es taten, ganz plump ohne Begründung die materialistische und mechanistische These voraus, dass jedes materielle Ereignis das Ergebnis eines materiellen Vorgangs ist. Der Bezug auf die Hirnforschung ist – ebenso wie der Bezug der modernistischen Theologen auf historische Forschungen – nur eine rhetorische Verzierung.

 

Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter ist Professor für Philosophie am Campus Chile der Internationalen Akademie für Philosophie und lebt in Santiago de Chile. 

aus Zukunft CH 6/2012