Jesus sagt: „Ich bin ein König – aber ein König, der anders ist als alle anderen Könige, die ihr euch vorstellen könnt. Ich bin ein König, der sterben muss.“ Und er sagt noch mehr. Markus berichtet:

„Hört her!“, rief Jesus seinen Jüngern und den Menschen zu, die bei ihm waren. „Wer mir nachfolgen will, der darf nicht mehr sich selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern muss sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen. Wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben für mich und für Gottes rettende Botschaft einsetzt, der wird es für immer gewinnen. Denn was gewinnt ein Mensch, wenn ihm die ganze Welt zufällt, er selbst aber dabei Schaden nimmt? Er kann sein Leben ja nicht wieder zurückkaufen! Wer sich hier vor den gottlosen Menschen schämt, sich zu mir und meiner Botschaft zu bekennen, den wird auch der Menschensohn nicht kennen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen wird.“ (Markus 8,34‑38)

Jesus sagt: „Da ich ein König an einem Kreuz bin, müsst auch ihr, wenn ihr mir nachfolgen wollt, an ein Kreuz gehen.” Sein Kreuz auf sich nehmen – was heißt das? Was bedeutet es, sein Leben für das Evangelium zu verlieren, um es zu erhalten?

Das griechische Wort, das Markus hier für „Leben” gewählt hat, ist psyche, die Wurzel unseres Wortes Psychologie. Psyche – das ist meine Identität, meine Persönlichkeit, mein Ich, das, was mich ausmacht. Jesus sagt hier nicht: „Ich will, dass ihr euer Ichsein verliert.” Das ist eine Lehre aus dem Bereich der fernöstlichen Religionen, und wenn Jesus das gemeint hätte, hätte er gesagt: „Ihr müsst euch verlieren, um euch zu verlieren.” Aber das sagt er nicht, sondern er sagt: „Baue deine Identität nicht auf die Dinge, die du in dieser Welt erwirbst.”

Jede Kultur zeigt auf bestimmte Dinge und sagt: „Wenn du das hier gewinnst, wenn du das bekommst oder erreichst, dann bist du jemand, dann hast du einen Wert.” In traditionellen Kulturen bin ich niemand, solange ich nicht Familie und Kinder habe, die meinen Namen weitertragen. In individualistischen Kulturen sind die Statussymbole anders; hier ist man niemand, solange man nicht einen Beruf hat, der einen befriedigt und einem Geld, Ansehen und Status bringt. Doch alle Kulturen sind sich darin einig, dass unsere Identität von unserer Leistung und unseren Verdiensten abhängt.

Und das, sagt Jesus, kann nicht funktionieren. Selbst wenn ich die ganze Welt gewinnen würde, es würde nicht reichen, um die innere Leere zu füllen, den Flecken des Sich-unbedeutsam‑Fühlens zu übertünchen. Egal wie viele dieser Dinge ich gewinne, es reicht nie, um mich zu vergewissern, wer ich bin. Wenn ich meine Identität darauf baue, dass dieser Mensch mich liebt oder jener Beruf mich erfüllt, und die Beziehung zerbricht oder ich werde arbeitslos, bricht mein Ich auseinander, und es ist gerade so, als ob ich keines mehr hätte.

Sehen Sie allmählich, wie radikal Jesus ist? Es geht nicht darum, zu sagen: „Ich habe Fehler begangen und Böses getan, aber ab jetzt gehe ich zur Kirche und fange ein anständiges Leben an. Dann werde ich wissen, dass ich ein guter Mensch bin, weil ich ja jetzt fromm bin.” Jesus sagt uns: „Ich will nicht, dass du eine leistungsbezogene Identität einfach gegen eine andere tauschst. Ich will, dass du einen ganz anderen, neuen Weg gehst. Ich möchte, dass du dein altes Ich, deine alte Identität aufgibst und dein Ich und deine Identität ganz auf mich und das Evangelium gründest.” Ich finde es toll, das Jesus sagt: „für mich und für Gottes rettende Botschaft” (Markus 8,35). Damit fordert er uns auf, diesen Kurswechsel konkret werden zu lassen und nicht im Reich der guten Vorsätze stecken zu bleiben. Es reicht eben nicht, zu sagen: „Ja, ich verstehe. Ich kann meine Identität nicht auf das Lob meiner Eltern gründen, weil das kommt und geht. Ich kann mein Leben auch nicht auf den Erfolg im Beruf gründen oder auf Glück in der Liebe. Ab jetzt werde ich mein Leben auf Gott gründen.”

In diesem Satz ist Gott fast schon eine Abstraktion und der Vorsatz, mein Leben auf ihn zu bauen, ein bloßer Willensakt. Und es ist noch nie ein Mensch durch einen Willensakt in der Tiefe verändert worden. Das Einzige, was ein Leben von der Wurzel her neu machen und ändern kann, ist Liebe.

Jesus sagt: „Es reicht nicht, wenn du mich als einen Lehrer oder als ein abstraktes Prinzip kennst. Du musst dir mein Leben anschauen. Ich bin ans Kreuz gegangen, und dort habe ich meine Identität verloren, damit du eine bekommen kannst.”

Wenn mir einmal aufgegangen ist, wie sehr Gottes Sohn mich liebt, wenn das, was er da für mich getan hat, mich im Innersten gepackt hat, dann bekomme ich eine innere Gewissheit und Kraft, ein Bewusstsein meines Wertes und meiner Identität, die nicht darauf gründen, was ich leiste oder ob andere Menschen mich lieben oder wie wenig ich wiege oder wie viel Geld ich habe. Ich bin frei; die alte Definition meiner Identität gilt nicht mehr. Niemand hat dies besser ausgedrückt als C.S. Lewis auf den letzten Seiten seines Buches Pardon, ich bin Christ, wo er zu dem Aufruf von Jesus, sich zu verlieren, um sich zu finden, Folgendes sagt:

Je mehr wir das, was wir unser „Selbst” nennen, aus dem Weg räumen und ihn [Jesus] von uns Besitz ergreifen lassen, desto mehr werden wir wirklich wir selbst. ...

Je mehr ich mich ihm widersetze und versuche, unabhängig zu leben, desto mehr werde ich von meinen Erbanlagen, meiner Erziehung, meiner Umgebung und meinen natürlichen Trieben beherrscht. Was ich so stolz als „mein Selbst” bezeichne, ist nichts als ein Tummelplatz von Ereignissen, die ich nicht ausgelöst habe und denen ich nicht Einhalt gebieten kann. Was ich „meine Wünsche” nenne, wird einfach zu Trieben, die aus meiner physischen Natur entstehen oder durch die Gedanken anderer Menschen in mich hineingetragen oder mir sogar vom Teufel eingeflüstert werden. ...

Erst wenn ich mich zu Christus hinwende, wenn ich mich selbst aufgebe, fange ich an, eine eigene Persönlichkeit zu besitzen. ...

Christus wird uns tatsächlich eine wirkliche Persönlichkeit geben. Wir dürfen aber nicht deshalb zu ihm gehen. Solange es unsere eigene Persönlichkeit ist, um die wir uns sorgen, sind wir überhaupt nicht auf dem Weg zu ihm.

Wenn wir zu Jesus gehen, um eine neue Persönlichkeit zu bekommen, sagt Lewis, sind wir nicht wirklich zu Jesus gegangen. Mein wirkliches Ich wird nicht kommen, solange ich es suche. Es wird erst dann kommen, wenn ich ihn, Christus, suche.

Als Petrus hört, dass Jesus nach Jerusalem geht und dass dies Leiden bedeuten wird – fast mit Sicherheit nicht nur für Jesus, sondern auch für ihn –, wird er wütend. Warum? Weil er seine eigene Agenda hatte, und die führte von Sieg zu Sieg und hatte keinen Platz für das Leiden. Als er merkt, dass Jesus sich nicht an seine Agenda hält, maßregelt er ihn. Wenn Ihre Agenda und Ihre Pläne Ihr Ziel sind, dann ist Jesus für Sie nur das Mittel zum Zweck. Ist Jesus dagegen der König, dann können Sie ihn nicht mehr vor Ihren Karren spannen. Mit einem König kann man keinen Deal machen. Einem König kann man nur sein Schwert zu Füßen legen und sagen: „Befiehl, und ich folge.” Wenn Sie stattdessen versuchen, mit ihm zu verhandeln, wenn Sie sagen: „Gut, ich gehorche dir, wenn ..., erkennen Sie ihn nicht als König an.

Aber vergessen Sie nicht: Jesus ist nicht irgendein König, er ist ein gekreuzigter König. Wäre er nur ein König auf einem Thron, würden wir ihm dienen, weil wir das halt müssen. Aber er ist ein König, der für Sie und mich ans Kreuz gegangen ist, und deswegen können wir uns ihm aus Liebe und Vertrauen hingeben. Und dies bedeutet, dass wir nicht als Verhandlungspartner zu ihm kommen, sondern sagen: „Herr, was du auch von mir verlangst, ich werde es tun. Was du mir auch schickst, ich werde es annehmen.” Wenn jemand sich ganz für mich hingegeben hat, wie kann ich mich da nicht ganz ihm hingeben? Mein Kreuz auf mich nehmen, das heißt: der Selbstbestimmung meines Lebens absterben, das Ruder aus der Hand geben, aufhören, Jesus vor den Karren meiner eigenen Pläne zu spannen.

C.S. Lewis beendet seinen Abschnitt über das Verlieren seines Lebens, um es zu finden, mit folgenden Worten:

Gib dich selbst auf und du wirst dein wahres Selbst finden. Verlier dein Leben, und du wirst es retten. Unterwirf dich dem Tod deiner Ambitionen und Lieblingswünsche an jedem einzelnen Tag und dem Tod deines Körpers am Ende, unterwirf dich mit jeder Faser deines Wesens, und du wirst ewiges Leben finden. Halte nichts zurück. Nichts, das du nicht weggegeben hast, wird dir jemals wirklich gehören. Nichts in dir, das nicht gestorben ist, wird je von den Toten auferstehen. Suche dich selbst, und du wirst auf die Dauer nur Hass, Einsamkeit, Verzweiflung, Zorn, Auflösung und Verfall finden. Doch suche Christus, und du wirst ihn finden, und mit ihm alles andere als Zugabe.

 

 

Aus dem Buch „Jesus”

von Timothy Keller, im Brunnen Verlag